Zurück zur Übersicht

Was ist der Sitz der Menschlichen Seele? Wo ist sie? Beim Deutschen, sagt
man, sei sie im Herz, beim Franzosen in der Leber, beim Asiaten im Bauch.
Kann sie wandern? Ich meine ja, in bescheidenen Maße, aber existentiell
wichtig: die des Pianisten begibt sich beim Konzert zum Teil in seine
Finger, bei einer Umarmung ist sie in die liebkosenden Handflächen und in
die Lippen der sich Küssenden geflossen.
Ich komme mit Pia zusammen. Zu einem Spiel? Nein. Zu einer Zeremonie, zu
einem Menschenopfer. Die schwarzen Opferkerzen brennen. Wir umarmen uns,
wir küssen uns. Wir pressen uns aneinander und umschlingen uns, denn es ist
ein Abschied. Zwar nur für eine Stunde, aber ein sehr wesentlicher
Abschied.
Meine Lippen wandern von ihrem Mund zu ihrem rechten Oberarm, zum Unterarm,
zu ihrer rechten Hand, die den Griff der Geißel hält. Ich küsse auch diesen
Griff und die fünf Schnüre, denn ich weiß, gleich werden diese toten Dinge
beseelt sein. Mit ganz besonderer Andacht küsse ich die kleinen harten
Kugeln, vor allem die äußersten: bis in sie hinein wird Pias Seele sich
ausdehnen und sie werden tief in mein Fleisch eindringen. Es ist ein
Abschied. Sie tritt zurück. Ich habe Angst.
Es ist nicht nur Angst. Es ist auch Sehnsucht. Ich lege mir die Manschetten
und die Augenbinde an, entkleide mich und hänge die Karabinerhaken in den
Flaschenzug ein.
Sie zieht mich hoch. Sehr gestreckt kann ich noch stehen. Ich bin von der
Freiheit befreit. Das macht mich ruhig, gesammelt, aufnahmebereit. Stille.
Nach dem Abschied ein neues Kommen, ein neues sich Treffen. Erst ein wenig
Spielen mit Schmerzchen, ein Tändeln; eigentlich unwürdig. Aber nach
DIN-Vorschrift SM-01440 als „Aufwärmen“ vorgeschrieben.
Dann das Geräusch periodischer Wirbelablösungem an einem schnell durch die
Luft bewegten Körper, vulgo: Pfeifen. und ein Aufschlag und noch ein
Aufschlag, nein das war kein Aufschlag mehr, das war eine Einschlag. Und
noch ein Einschlag. und, und …. Und die Ernüchterung. Der sehr schmale
Schmerz vertreibt die Sehnsucht. Die immer wieder in die Schultermuskulatur
eindringende Geißel erzeugt in mir ein ganz und gar unerotisches, lautes,
unwilliges, in vollem Protest hinausgeschreienes „Au“. Immer wieder. Ich
zapple unwürdig herum, deshalb hasse ich jetzt die Zuschauer (ich sehe sie
zu Glück nicht), und mich selbst. Die Geißel wandert von der einen Schulter
zur anderen. Ich weiß nicht mehr, daß dich es ja wollte, ich weiß kaumm
mehr, daß die wunderbare liebharte Pia die Geißel schwingt. Ich bin
dagegen. ich bin ganz Protest. Meine Seele hat sich von der Oberfläche des
Körpers in einen winzigen Punkt ganz im Inneren zurückgezogen. Aus Not?
Die Geißel wandert abwärts zu Gesäß- und Schenkelmuskulatur. Die Zeit
vergeht zäh. Ich stehe in Flammen. „Gnade!“
Pia streichelt mein Gesicht, meinen brennenden Körper. Sie spürt was sie
angerichtet hat, da wo die Schnüre sich um den Körper herumgewickelt haben.
Ich empfinde diese Liebkosungen unbeschreiblich süß. Sie lockt meine Seele
aus dem Schmollwinkel.
Die nächsten Hiebe sind genauso hart, sie treffen nochmals hochempfindlich
gewordene Stellen. Nur: ich stehe nicht mehr in einem Feuer, ich glühe von
innen heraus, und diese Glut trifft sich mit den ins Fleisch
einschneidenden Schnüren mit je sieben harten Perlen. Der Schmerz ist
genauso scharf wie zu Beginn, aber ich nehme ihn an, ich will ihn, weil ich
wieder weiß, was ihne verursacht: von Pia beseelte Materie. Endlich kann
ich mich hingeben. In dieser wunderbaren Glut kommen wir zusammen und
verstehen uns ganz tief.
Ein warmer strahlender Frauenkörper schmiegt sich sanft an mich. Pia
leibkost mich. Rückkehr! Sie nimmt mir die Manschetten und die Augenbinde
ab, gibt mir die Freiheit und die Welt. Wir tauchen den Blick des einen in
den des anderen. Ich umarme sie, wir tanzen herum, fröhlich wie Kinder,
glücktrunken wie es Erwachsenen zukommt, und selig wie Engel

Zurück zur Übersicht

Hinterlassen Sie eine Antwort